Umweltverträglich erzeugtes Palmöl?
Von Christine Horn, Mai 2010
Die Grundlage des Fortschritts ist immer das Auftreten eines Problems und der daraus folgenden Suche nach einer Lösung. Wir wollen das in einem konkreten Fall betrachten: der westliche Energiehunger und die daraus resultierende vermehrte Verwendung von Biomasse.
Status Quo der Bioenergien:
Raps, Mais oder Palmen werden weltweit angebaut, um wertvolles Öl daraus zu gewinnen. Öl ist der wichtigste Energieträger unseres Planeten – egal, ob es nun Erdöl oder neuerdings Pflanzenöl ist. Das Pflanzenöl geht neben der Verwendung in Lebensmitteln und Kosmetika mittlerweile zunehmend in die Kraftstoffverarbeitung für unsere immer hungrigen Autos und die gemütlich warme Heizung im Winter. So wurde der Biosprit als Wunderwaffe gegen schwindende Erdöl- und Erdgasressourcen erst einmal hochgelobt und 2006 für den Benzin- und Dieselmarkt sogar eine Beimischungsquote eingeführt (mittlerweile 6,25%).
Doch aus der Wunderwaffe wurde ganz schnell ein Sorgenkind: Plötzlich wurden riesige, stark gedüngte und mit Pestiziden behandelte Monokulturen mit einem grünen Mäntelchen staatlich subventioniert. Flächen, die ehemals Lebensmittel produzierten, produzieren nun Treibstoff für unsere Autos und die Nahrungsmittelpreise stiegen in manchen Regionen beängstigend an (z.B. Preise für Mais in Mexiko). Die globale Nachfrage nach Biomasse und den wertvollen Pflanzenölen macht auch vor dem tropischen Regenwald nicht halt. Umweltschutzorganisationen haben die letzten Monate laut darauf aufmerksam gemacht, dass der Regenwald und mit ihm alle Affen, Tiger, Elefanten und Faultiere abgebrannt und vernichtetet werden, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen. Aus der vermeintlichen Lösung für verknappte fossile Ressourcen ist ein neues, gewaltiges Problem erwachsen. Und wieder beginnt sich die Lösungs-Such-Maschine zu drehen…
Neue Lösung: Nachhaltigkeitszertifizierung?
Diesmal lautet das Credo: Nachhaltiger Anbau von Biomasse, sichergestellt durch Zertifizierung! Grundidee ist, dass in der EU nur noch Biomasse als Treibstoff oder zur Stromgewinnung benutzt werden darf, die zuvor nach festgelegten Nachhaltigkeitskriterien hergestellt wurde, z.B. ohne Regenwaldabholzung oder Trockenlegung von Mooren, dafür aber gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer in Plantagen und Betrieben. Belegt wird die Einhaltung solcher Kriterien durch die Vergabe eines Zertifikats an das betroffene Unternehmen.
Gesetzlich fundiert ist diese Lösung in Deutschland durch die Umsetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit zwei Nachhaltigkeitsverordnungen – für Biomassestrom und Biokraftstoffe – die ursprünglich am 01. Juli 2010 in Kraft treten sollten. Aktuelle Gesetzentwürfe diskutieren eine Verschiebung der Verordnungen auf den 01. Januar 2011, begründet durch eine noch nicht ausreichende Menge zertifizierter Biomasse auf dem Markt. Seit Januar 2010 ist bereits ein Zertifizierungssystem anerkannt mit dem z.B. betroffenen Plantagenbesitzer in Indonesien oder Landwirte in Deutschland arbeiten können: ISCC - International Sustainability and Carbon Certification.
Kritik am System:
Zertifizierungen werden - oftmals zu Recht – kritisiert und angegriffen. Während das ISCC-System sehr weitreichende und strenge Nachhaltigkeitskriterien aufgestellt hat, entstehen neue Systeme mit schwächeren Kriterien, die nicht über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehen und aus ökologischer Sicht problematisch sind.
Doch auch im ISCC selbst gibt es Schwachstellen: So werden laut WWF schon seit Jahrzehnten Torfböden von der lokalen Bevölkerung Indonesiens und Malaysias genutzt. Damit hätten Palmölkonzerne nach den ISCC-Nachhaltigkeitskriterien ein Recht, diese Flächen nach Umsiedlung der Menschen ebenfalls zu nutzen. Doch aus trockengelegten Moorböden entweicht 2000% mehr CO2 als bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern für die gleiche Nutzenergie entstehen würde! Somit wird die vermeintlich klimaschonende Biomasse zum wahren Klimakiller.
Zudem wird nur Biomasse für die Energieerzeugung und zur Kraftstoffbeimischung zertifiziert. Diese macht jedoch nur 5% der Importe aus (130.000 t allein an Palmöl gehen pro Jahr nach Deutschland). 95% davon landen unzertifiziert in Schokoriegeln, Fertiggerichten und Gesichtscremes. Damit besteht die Gefahr, dass Konzerne nur einen winzigen Teil ihrer Anbauflächen wirklich nachhaltig bewirtschaften und für den Rest weiter in Regenwaldgebiete einschlagen und Raubbau an Mensch und Natur betreiben.
Chance der Zertifizierung:
Doch die Zertifizierung nachhaltig erzeugter Biomasse bietet auch Chancen:
- Zum einen gibt es spätestens ab 01.Januar 2011 eine EU weite gesetzliche Grundlage, die für alle Importe und heimisch hergestellte Biomasse für den Energie- und Kraftstoffsektor verpflichtend ist und an die sich alle Unternehmen halten müssen. Damit geht eine bedeutende Wirtschaftsgemeinschaft mit gutem Beispiel voran und kann als Beispiel für andere Wirtschaftssektoren und Staaten dienen.
- Zudem wurde zum ersten Mal in der internationalen Diskussion darüber nachgedacht, wie Flächen genutzt werden sollen, welche Flächen wichtig und schützenswert sind im internationalen Konsens. Damit gewinnt ein weiteres wichtiges Instrument an zunehmender Bedeutung: Flächennutzungspläne.
- Mittlerweile wird auch von der Industrie wie selbstverständlich hingenommen, dass das Ziel der Biomasseverwendung eine Treibhausgas-Reduktion sein muss – daran sieht man, wie akzeptiert der Klimaschutz- und Umweltgedanke in der Wirtschaftswelt schon angekommen ist.
- Und letztendlich ist diese Verordnung ein erster Schritt hin zu einer kompletten Zertifizierung jeglicher verwendeter Biomasse. Die Grundlage ist geschaffen, auf der wir uns nun nicht ausruhen dürfen, sondern fleißig weiterarbeiten müssen hin zu einem umfassenden Schutz von Biodiversität, Klima, Regenwäldern, Mooren, etc.
Zertifizierung hat Grenzen und Zertifizierung ist nur ein Instrument unter anderen. Dennoch zeigt die bestehende ISCC-Zertifizierung für nachhaltig erzeugte Biomasse durch anspruchsvolle Kriterien und eine umsetzungsstarke, EU-weite Gesetzgebung den Weg in die richtige Richtung: Nutzen wir Biomasse zur Energieerzeugung, so dürfen wir damit keine Problemverlagerung mit Regenwaldabholzung und Lebensraumzerstörung auslösen. Und wo bliebe schließlich der Fortschrittsgedanke, wenn mit der aktuellen Lösung schon jegliches Problem beseitigt wäre… :-)?
Quellenhinweise:
Plenarprotokoll 16/182 Sitzung Dt. Bundestag vom 15. Oktober 2008
Gesetz zur Einführung einer Biokraftstoffquote durch Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes und zur Änderung energie- und stromsteuerrechtlicher Vorschriften (Biokraftstoffquotengesetz - BioKraftQuG)
Spiegel online "Biosprit-Boom treibt Tortilla-Preise in Rekordhöhen" vom 01.02.2007
Regenwald Report 02/2010: "Warum wir Palmöl aktiv bekämpfen", Rettet den Regenwald e.V.
Greenpeace: "Cooking The Climate" Studie über die Palmölindustrie
Richtlinie 2009/28/EG des Europäischen Parlaments und des Rats vom 23. April 2009 zur Förderung der Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen und zur Änderung und anschließenden Aufhebung der Richtlinien 2001/77/EG und 2003/30/EG
Verordnung der Bundesregierung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von flüssiger Biomasse zur Stromerzeugung (Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung – BioSt-NachV)
ISCC 201 Systemgrundlagen für die Zertifizierung von nachhaltiger Biomasse und Bioenergie. Draft 10-01-19
ISCC 202 Nachhaltigkeitsanforderungen - Anforderungen an die Herstellung von Biomasse (Pflanzenanbau). Draft 10-01-19
Protokoll Fachgespräch "Biokraftstoffe" der Bundestagsfraktion Bündnis90/ Die Grünen vom 20.05.2010
