Interview auf sueddeutsche.de. 18. Januar 2008
"Der Verbraucher wird verschaukelt"
Die Grüne Bärbel Höhn über Schmuh auf der Grünen Woche, warum ein bisschen Gentechnik besser ist als gar keine Gentechnik und was die Ampel mit Essen zu tun hat.
Interview: Thorsten Denkler
sueddeutsche.de: Frau Höhn, auf der Grünen Woche wird sich erstmals die deutsche Lebensmitteindustrie in einer Halle präsentieren. Unternehmen wie funny-chips oder Coca-Cola werben dort für gesunde Ernährung von Kindern. Was halten sie davon?
Höhn: Das wundert mich nicht. Die großen Lebensmittelhersteller pumpen sehr viel Geld in die Werbung und versuchen so die Kaufentscheidungen der Eltern zu beeinflussen. Rund 600 Millionen Euro werden jährlich in die Werbung für Süßigkeiten gesteckt. Und ein Stand auf der Grünen Woche, die ja an sich ein gutes Image hat, passt da natürlich ins Kalkül.
sueddeutsche.de: Ist da nicht der Tatbestand der Irreführung von Verbrauchern erfüllt?
Höhn: Unser Problem ist, dass die jetzige Regierung genau solchen Tendenzen nichts entgegensetzt. Das führt natürlich dazu, dass wir noch mehr Probleme mit fehlernährten und übergewichtigen Kindern bekommen.
sueddeutsche.de: Die Hersteller sagen, es gibt keine ungesunden Produkte, sondern nur eine unausgewogene Ernährung. Klingt logisch.
Höhn: Das ist ja auch nicht ganz falsch. Nur sind auf dem Markt eben weit aus mehr Produkte vorhanden, die zu einer unausgewogenen Ernährung beitragen, als andere Produkte. Und was immer dazu gehört, ist Bewegung. Viel Chips essen und keine Sport treiben geht eben nicht.
29% oder 110%
sueddeutsche.de: Die Kinder sitzen aber lieber vorm Computer. Gibt es so gesehen doch ungesunde Produkte?
Höhn: In viele Produkte ist einfach zu viel Fett und Zucker. Beides sind billige Stoffe, die dazu noch den Effekt haben, dass sie den Kunden offenbar schmecken. Um diese Kunden nicht zu verlieren, tun die Unternehmen alles, um eine Aufklärung bzw. eine Transparenz über die Inhaltsstoffe zu verhindern. Nehmen sie das große Zucker-Versteckspiel der Ernährungsindustrie bei der neuen Nährwert-Kennzeichnung. Da steht zum Beispiel auf einer halben Liter Colaflasche, dass man damit 29 Prozent seiner höchstens zulässigen Tagesration an Zucker zu sich nimmt. Da wird man als Verbraucher richtig verschaukelt, weil das Unternehmen mit unrealistischen Portionsgrößen und falschen Tagesrationen rechnet. Auf der Colaflasche müsste eigentlich stehen, dass man mehr als die zulässige Tagesration, nämlich 110 Prozent, aufnimmt.
sueddeutsche.de: Die Briten haben zu Kennzeichnung der Lebensmittel ein Ampelsystem erfunden. Grün heißt, kann bedenkenlos gegessen werden. Gelb heißt Vorsicht. Rot steht für: besser die Finger davon lassen. Dass zuviel Schokolade nicht gesund ist, dürfte jedem klar sein. Unterschätzen die Briten nicht den mündigen Bürger?
Höhn: Bei der Schokolade ist das noch einfach. Aber bei manchen Cornflakes etwa ist der Zuckeranteil bedenklich hoch – das sind quasi Süßigkeiten. Bei Nutella bringt auch die Extra-Portion Milch wenig und Fruchtzwerge sind auch nicht so wertvoll, wie ein kleines Steak! Es geht hier ja vor allem um die gute Ernährung von Kindern. Stark zucker- und fetthaltige Produkte sind besonders für Kinder problematisch, weil die zu einer Art Geschmacksprägung führen können. Ihnen schmecken irgendwann Produkte etwa mit natürlichem Fruchtzuckergehalt nicht mehr. Darum bietet so eine für das Auge sofort erfassbare Kennzeichnung wie die Ampel vor allem Eltern Orientierung. Es ist das beste System, das bisher entwickelt wurde.
sueddeutsche.de: Und das von Deutschland übernommen werden sollte?
Höhn: Auf jeden Fall.
Zusatzinformationen neben dem Preis
sueddeutsche.de: Teilen Sie die Befürchtung der Hersteller, das die Leute dann Ihre Produkte nicht mehr kaufen?
Höhn: Die Menschen werden weiter ihren Hunger stillen, aber vielleicht etwas weniger zu besonders Zucker- und fetthaltigen Produkten greifen, was ich begrüßen würde. Durch eine solche Kennzeichnung würde sich aber mittelfristig auch das Angebot bzw. die Zusammensetzung der Produkte verändern. Neben dem Preiswettbewerb könnte durch die erhöhte Transparenz auch ein Qualitätswettbewerb stattfinden!
sueddeutsche.de: Eine andere Kennzeichnung soll jetzt kommen. Gentechnikfreie Produkte sollen ein eigenes Kennzeichen erhalten. Allerdings darf ein bisschen Gentechnik dennoch enthalten sein. Sie finden die Kennzeichnungsregeln im Kern richtig. Einige Unionsabgeordnete sähen es lieber, wenn die Produkte völlig frei von Gentechnik sind, bevor sie das Kennzeichen tragen dürfen. Verkehrte Welt?
Höhn: Der Eindruck trügt. Wenn Sie genauer hinschauen, sehen Sie, dass jetzt die Unionsabgeordneten und Futtermittelhersteller aufschreien, die eine besondere Nähe zur Gentechnik haben. Die von ihnen geforderte maximale Strenge hilft in diesem Fall nicht weiter, sondern schadet nur dem Anliegen, den hohen Anteil von gentechnisch veränderten Futtermittel zurückzudrängen.
sueddeutsche.de: Warum ist das so?
Höhn: Es gibt kaum ein Lebensmittel, das in seinem Produktionsprozess nicht irgendwann einmal mit Gentechnik in Berührung gekommen ist. Das heißt aber nicht, dass wir in den Produkten selber Gentechnik finden. Wir sprechen hier von der weißen Gentechnik, die wir nicht für bedenklich halten. Hier werden mit Hilfe von gentechnisch-veränderten Organismen „normale“ Enzyme, Vitamine oder Aminosäuren hergestellt – die ja keine DNA haben. Manche wichtigen Medikamente lassen sich ohne den Einsatz dieser Technologien gar nicht mehr herstellen.
sueddeutsche.de: Wo liegt der Unterschied zur Grünen Gentechnik?
Höhn: Die weiße Gentechnik findet in geschlossenen Räumen statt, richtet also keinen Schaden an. Die grüne Gentechnik findet auf freiem Feld statt, wo es auch immer eine Auskreuzungsgefahr gibt. Es ist eben ein Unterschied, ob ich eine Tomate essen soll, deren DNA gentechnisch verändert worden ist, oder bei Herstellung von Käse ein gentechnisch veränderter Lab eingesetzt wird, der sich im Käse aber nicht mehr wiederfindet. Letzteres ist ein gentechnikfreies Produkt. Die Gen-Tomate ist es nicht.
sueddeutsche.de: Was wäre die Folge, wenn nur als gentechnikfrei bezeichnet werden dürfte, was absolut ohne Gentechnik hergestellt wurde.
Höhn: Dann brauchen wir kein Siegel mehr, weil es solche Produkte praktisch nicht gibt. Die Gentechnik-Befürworter können dann sagen, seht her, ist doch schon überall Gentechnik drin, jetzt habt Euch mal nicht so. Das wäre der Durchbruch für die Gentechnik, den wir verhindern wollen.
Bauerneinkommen runter?
sueddeutsche.de: Ein Durchbruch, der vor allem auf den Äckern zu beobachten wäre.
Höhn: Ja. Nehmen Sie die Futtermittelindustrie. Heute werden zur Hälfte Produkte aus gentechnisch veränderten Bestandteilen verfüttert, insbesondere billiges Gen-Soja aus Brasilien. Das muss sich ändern. Mit der neuen Kennzeichnung – die keine überwindbaren Hürden mehr bei der weißen Biotechnologie darstellt – hat der Bauer jetzt einen Anreiz auf gentechnik-freie Futtermittel zurückzugreifen. Auch weil sich Produkte besser absetzen lassen. Der Verbraucher greift eher zu, wenn auf der Milch ein Logo mit „gentechnikfrei“ steht.
sueddeutsche.de: Die Verbraucher haben sich im vergangenen Jahr vor allem über die gestiegenen Lebensmittelpreise geärgert. Wird das 2008 so weitergehen?
Höhn: Das Thema ist noch nicht durch. Es hat ja im vergangenen Jahr einige Ausschläge nach oben gegeben, etwa bei Milchprodukten, die sich über gestiegene Weltmarktpreise nicht mehr erklären ließen. Das ist zum Teil wieder korrigiert worden. Aber billiger werden Lebensmittel wohl nicht mehr.
sueddeutsche.de: Ist doch eigentlich gut, wenn die Bauern wieder mehr verdienen.
Höhn: Ja, aber der Aufpreis landet nicht automatisch bei den bäuerlichen Familienbetrieben. Außerdem ist es auch irgendwann eine soziale Frage. Hartz-IV-Empfänger können pro Tag und Kind 2,50 Euro für Nahrung ausgeben. Man kriegt davon einen 14-jährigen nicht satt. Erst recht nicht mit qualitativ hochwertigem Essen wie Bio-Nahrung.
sueddeutsche.de: Sollen deshalb die Bauern auf Einkommen verzichten?
Höhn: Die Bauern verdienen momentan wieder ganz gut. Aber ein Einkommensverzicht wäre nicht der Weg. Wir müssen die Hartz-IV-Regelsätze an die gestiegenen Lebensmittelpreise anpassen.
