06.10.2010

Aufruf zur Agrarreform

Aufruf zu einer mutigen Agrarreform

von Johannes Remmel, Renate Künast, Bärbel Höhn, Friedrich Ostendorff

 

Die europäische Landwirtschaft steht vor der historischen Chance zu einer

grundlegenden ökologischen und sozialen Erneuerung. Nie zuvor war der

Druck so groß wie heute, in der Gemeinsamen Agrarpolitik etwas nachhaltig

anders zu machen. Eine breite gesellschaftliche Mehrheit fordert ein radikales

Umsteuern, um die Zukunft mit den Herausforderungen wie Klimaschutz und

Erhalt der Artenvielfalt zu meistern. Es besteht große Einigkeit darüber, was

jetzt zu tun ist. Allein die großen Profiteure des bisherigen Systems versuchen

weiter, den Status Quo zu zementieren. Wir haben die Aufgabe, der Agrarpolitik

jetzt gemeinsam eine grundlegend neue soziale und ökologische Richtung

zu geben.

Die Probleme sind erdrückend

Trotz und teilweise wegen der milliardenschweren europäischen Agrarpolitik

hungern eine Milliarden Menschen auf der Welt, weist die europäische Landund

Ernährungswirtschaft eine negative Klimabilanz auf, schreitet das Artensterben

in der Agrarlandschaft weiter voran, werden die Wünsche und Ansprüche

der Verbraucherinnen und Verbraucher an die Lebensmittelqualität

nur unzureichend erfüllt und geht das Höfesterben und damit der Verlust von

Arbeitsplätzen und Lebensqualität im ländlichen Raum unvermindert weiter.

Klima- und umweltschädigende Anbaumethoden werden exportiert, um billige

Produktionsmittel für die globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Wo früher

tropischer Regenwald stand, wird heute auf über 30 Millionen Hektar Futternachschub

für die Massentierhaltung in der EU produziert, um mit Billigfleisch

aus Europa die Welt zu überschwemmen.

Bundestagsfraktion

Bündnis 90 / Die Grünen

 

Die Einsicht ist da

Noch nie war die Einsicht, dass es nicht weitergehen kann wie bisher, so weit

verbreitet wie heute. Die alte Agrarpolitik ist an ihr Ende gekommen und hat

ihre gesellschaftliche Legitimation verloren. Es ist heute niemandem mehr

vermittelbar, warum immer noch über 55 Mrd. Euro jährlich an die EULandwirtschaft

gezahlt werden, obwohl gleichzeitig die Zahl der Massentierhaltungsanlagen

stetig weiter steigt, die Landschaft mit Monokulturen von

Mais überzogen wird, der Verlust biologischer Vielfalt in der Agrarlandschaft

dramatisch weiter geht, die europäische Agrarpolitik kaum zur Erreichung der

Klimaschutzziele beiträgt und die Bäuerinnen und Bauern davon nicht etwa

profitieren, sondern reihenweise ihre Höfe aufgeben müssen. Für die Förderung

der Auswüchse der Agrarindustrie wie Großmastanlagen, Monokulturen

und Gentechnik mit Steuergeldern gibt es keine Legitimation. Eine solche Agrarpolitik

ist weder im Interesse der Bäuerinnen und Bauern noch der Gesellschaft.

Zugleich wächst die Einsicht, dass die globalen Probleme der Ernährungssicherung,

des Klimawandels und des Artensterbens nur mit einer bäuerlich

ausgerichteten, nachhaltigen Landwirtschaft zu lösen sind und dass wir dazu

wirkungsvolle Instrumente wie die Gemeinsame Agrarpolitik brauchen.

 

Die Mehrheit ist da

Diese Einsicht hat längst die breite Gesellschaft erreicht. Noch nie gab es eine

so große Allianz aus Agrar- und Umweltverbänden, Verbraucherschutzund

Entwicklungsorganisationen, die für eine starke, ökologisch und sozial

begründete Gemeinsame Agrarpolitik eingetreten ist. Die öffentliche Konsultation

der EU-Kommission zur Reform der GAP hat in tausenden Beiträgen gezeigt,

dass die übergroße Mehrheit eine strikte ökologische und soziale Reform

fordert. Die Mehrheit der Wissenschaftler und Experten sieht die dringende

Notwendigkeit, die Zahlung öffentlicher Gelder an die tatsächliche Erbringung

ökologischer und sozialer Leistungen durch die Landwirtschaft zu

binden. An der Forderung „Öffentliche Gelder für öffentliche Güter“ führt heute

kein Weg mehr vorbei.

Aufruf zu einer mutigen Agrarreform

 

Das Instrumentarium ist da

Mit der Gemeinsamen Agrarpolitik halten wir ein starkes Instrument in Händen.

Ein gewaltiger Etat und eine Breitenwirkung über die gesamte Fläche der

Europäischen Union machen die GAP zu einem Instrument, das, richtig ausgerichtet,

eine nachhaltige Erneuerung der europäischen Landwirtschaft bewirken

kann. Die Europäische Kommission hat den Klimawandel, das Artensterben,

die Wasserfrage und die Energiefrage zu den vier neuen Herausforderungen

erklärt, denen sich die europäische Agrarpolitik zukünftig zu stellen

hat. Die GAP ist das zentrale politische Instrument, um den neuen Herausforderungen

zu begegnen. Mit der Entkopplung der Zahlungen von der Produktion

ist 2003 der erste wichtige Reformschritt getan worden.

Jetzt müssen die Direktzahlungen der ersten Säule konsequent an Leistungen

für den Klimaschutz und die Biodiversität gekoppelt werden. Die Direktzahlungen

müssen an klimafreundliche Methoden wie vielfältige Fruchtfolgen,

den Anbau von Eiweißpflanzen oder Verfahren des Ökologischen

Landbaus gebunden werden, um die europäische Landwirtschaft von einem

Verursacher klimaschädlicher Emissionen zur CO2-Senke umzubauen und

die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Die Direktzahlungen müssen außerdem

daran gebunden werden, dass mindestens ein Zehntel des Ackerlandes als

ökologische Vorrangfläche der biologischen Vielfalt gewidmet wird, um damit

einen wirksamen Schritt gegen das Artensterben und für den Erhalt der Kulturlandschaft

zu tun. Durch eine degressive Ausgestaltung der Direktzahlungen

kann die bäuerliche Landwirtschaft als Motor einer nachhaltigen ländlichen

Wirtschaftsentwicklung gestärkt werden. Nur eine vielfältige Landwirtschaft

bietet zukunftsfähige Arbeitsplätze, Agrarindustrie hingegen vernichtet

Arbeitsplätze im ländlichen Raum.

Die zweite Säule muss substantiell gestärkt werden, um die biologische und

kulturelle Vielfalt in der Agrarlandschaft, ein nachhaltiges Wassermanagement

und den Tierschutz in der Landwirtschaft zu verbessern und die

ländliche Entwicklung zu stärken.

Daneben muss das Fachrecht konsequent angewendet werden, um den

Wildwuchs von Großmastanlagen zu stoppen und die Gentechnikfreiheit

der europäischen Landwirtschaft gewährleisten.

 

 

So kann die Gemeinsame Agrarpolitik zu einem starken Instrument nachhaltiger

Politik zur ökologischen Modernisierung der Landwirtschaft und zum Erhalt

lebendiger ländlicher Räume werden.

 

Der Zeitpunkt zur Reform ist da

Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik steht jetzt an. Jetzt werden die

Weichen gestellt für die nächste Dekade europäischer Agrarpolitik und darüber

hinaus. Im November wird die EU-Kommission die ersten Vorschläge für

diese neue Reform präsentieren.

 

Für eine mutige Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik

Diese Chance gilt es jetzt zu nutzen. Wir müssen jetzt die 2003 mit der Agrarwende

begonnene Reform der GAP konsequent fortsetzen und dürfen

nicht zulassen, dass sich die kleine Minderheit derer, die vom bisherigen System

überproportional profitieren, gegen alle Vernunft und die breite gesellschaftliche

Mehrheit durchsetzt. Wir rufen daher alle Beteiligen auf, jetzt einen

großen Wurf zu wagen und die ökologische und soziale Reform der europäischen

Landwirtschaft gemeinsam zu beginnen. Wir fordern insbesondere die

EU-Kommission auf, die Konsequenzen aus dem gesellschaftlichen Konsultationsprozess

zu ziehen und einen echten Reformvorschlag vorzulegen. Jetzt

erneut einen faulen Kompromiss zu schließen hieße, das Ende der Gemeinsamen

Agrarpolitik einzuleiten und damit die Chance zu vergeben, in einer

gemeinsamen Initiative eine neue europäische Agrar-Kultur zu begründen.

 

 

Berlin und Düsseldorf im Oktober 2010

Johannes Remmel MdL

Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz

des Landes Nordrhein-Westfalen

 

Renate Künast MdB

Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen

 

Bärbel Höhn MdB

Stellv. Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Grüne

 

Friedrich Ostendorff MdB

Agrarpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Grüne