
Ich war schon oft auf Klimakonferenzen und war immer wieder frustriert über die schwachen Ergebnisse. Wenn sich fast 200 Staaten einigen sollen, und jeder de facto eine Vetooption hat, was kann da herauskommen?
Natürlich sind die Konferenzen wichtig, um auf das Problem hinzuweisen, natürlich sind sie wichtig, um einen Austausch der Länder und Experten zu erreichen, aber die Ergebnisse? Seit 1990 sind die weltweiten energiebedingten Emissionen um mehr als die Hälfte auf 32 Milliarden Tonnen CO2 angestiegen. Wir sind also weit von einem Minderungspfad bei Kohlenstoffdioxid entfernt, die Spielräume für nachfolgende Generationen werden somit immer geringer. In diesem Jahr wird die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur wohl zum ersten Mal die 1°-Marke überschritten. Die Extremwetterlagen, außergewöhnliche heftige Dürren, Stürme, Überflutungen, vor denen die Experten gewarnt haben, werden immer sichtbarer. Im Tschad herrschen Temperaturen von 50° C, die Philippinen erleben immer mehr und heftigere Taifune. Der Nordpol wird unwiederbringlich abschmelzen und auch ein Teil des Eisschildes der Antarktis wird - anders als viele das vor einigen Jahren eingeschätzt haben – abschmelzen. Das wird zu einer Erhöhung des Meeresspiegels um 3 Meter führen und noch mehr Küstenstädte bedrohen.
Und dennoch: es tut sich was! Zum einen haben alle aus der Pleite von Kopenhagen gelernt. Zwei wichtige Akteure, die USA und China, haben aus unterschiedlichen Gründen ihr Bremserhäuschen verlassen. China, weil die Luftverschmutzung durch die Kohle so stark geworden ist, dass aus gesundheitlichen Gründen mit großer Kraft auf Alternativen gesetzt wird. Die USA, weil Obama zum Ende seiner Amtszeit mit dem clean air act noch einen umweltpolitischen Erfolg vorweisen will.
Der größte Unterschied zu früheren Konferenzen ist aber: es gibt jetzt eine preiswerte Alternative zur Kohle. Die Erneuerbaren Energien! Fast keiner hätte damit gerechnet, dass die Kosten für Windkraft und Photovoltaik so schnell so rapide sinken. Gerade für Entwicklungsländer und für ländlich geprägte Staaten sind die Erneuerbaren Energien eine große Chance.
Im Süden Perus, auf dem Hochland mit intensiver Sonneneinstrahlung kann der Solarstrom heute für unter 4 Cent pro Kilowattstunde produziert werden. In Texas hat First Solar eine Ausschreibung gegen die Konkurrenz für 4,4 Eurocent/kWh gewonnen. Windstrom an guten Standorten kostet nicht viel mehr und überschüssiger Windstrom kann für die Wärmeproduktionverwendet werden. In Afrika sind vielerorts PV Anlagen mit Speichersystemen konkurrenzfähig gegenüber Dieselgeneratoren auch bei niedrigen Rohölpreisen. Mittlerweile haben deswegen die Erneuerbaren bei den Investitionen die anderen Energieträger beim Strom überholt Und Entwicklungsländer investieren etwa so viel Geld in Erneuerbare Energien wie die Industrieländer.
Welche Rolle spielen Deutschland und Europa bei den aktuellen Entwicklungen? Jahrelang waren sie die Vorreiter bei Klimakonferenzen, auch weil sie glaubwürdig einen ambitionierten Klimaschutz vertreten haben. Nun überlassen sie anderen Akteuren das Feld. Die Kanzlerin tut sich als Gastgeberin des G7 Gipfels zwar noch mal hervor mit der Forderung nach einer Dekarbonisierung in diesem Jahrhundert, aber im eigenen Land wird das Erreichen der eigenen CO2-Einsparungsziele bis 2020 immer unwahrscheinlicher.
Warum? In der Gebäudesanierung geht es nicht voran. Die Neuwagen bleiben seit Jahren bei hohen Spritverbräuchen und damit auch CO2-Werten. Der Ausstoß auf dem Papier liegt mittlerweile 40% über dem Verbrauch auf der Straße. Die Kreativität wird ins Schummeln gesteckt, statt in die Energieeffizienz.
Ganz schlimm sieht es aus beim Strom: der Vorreiter Deutschland, der mit dem EEG die notwendige Technologieentwicklung der Erneuerbaren Energien bezahlt hat und noch viele Jahre bezahlen wird, wird nun - wo die Ernte eingefahren werden könnte - von den anderen Staaten überholt. Bei uns erhält die Kohllobby teure Braunkohlesubventionen und die Erneuerbaren Energien werden bspw. über die Besteuerung von selbst genutztem Solarstrom ausgebremst.
Europa hat ein mageres 40% Reduktionsziel bis 2030 für die Pariser Verhandlungen vorgelegt. Doch ist auch die Erreichung dieses geringen Zieles fragwürdig, weil Mitgliedstaaten wie Polen mittlerweile die gesamte EU bei der entsprechenden Maßnahmenplanung blockieren.
Aus diesen gegenläufigen Bewegungen –die neue Dynamik in den USA, China und den Schwellenländern und der Stagnation in Europa und Deutschland – könnte sich eine ungewollte Entwicklung ergeben. Europa und Deutschland sind gut aus den Startblöcken gekommen, jetzt geht ihnen aber beim Klimaschutz die Puste aus. Die anderen Länder nutzen den Schwung eines möglichen und wahrscheinlichen Abkommens in Paris und starten danach durch – während die Staaten der EU (ökonomisch) abgehängt werden.
