Nach Erdgas und Kohle sind auch die Ölpreise drastisch gefallen. Sie haben sich seit dem Sommer 2014 halbiert. Für die grüne Bundestagsfraktion ist Dr. Steffen Bukold den Fragen nachgegangen, wodurch der Preisrutsch verursacht wurde, wie lange man mit den niedrigen Preisen rechnen kann und was die nachlassenden Investitionen für den Ölpreis von morgen bedeuten. Die Studie finden Sie hier.
Kernaussagen sind:
Der Preiskollaps hat zwei Hauptursachen: Eine Überversorgung des Marktes und eine Lähmung des OPEC-Kartells, das sich nicht - wie 2008/2009 - zu einer Produktionskürzung durchringen konnte. Statt die Preise zu stützen, kämpfen die Ölexporteure um Marktanteile. Seither herrscht auf dem Ölmarkt ein ungewohnter Verdrängungswettbewerb. Dadurch fallen die Einnahmen der Ölproduzenten im laufenden Jahr um knapp 1000 Milliarden Dollar, wenn die Preise unverändert bleiben sollten. Der Ölpreissturz ist insofern bemerkenswert, als er nicht einer Wirtschaftskrise folgt (wie 1999 oder 2008), sondern in einem Umfeld stabiler konjunktureller Daten stattfinden konnte.
Kapitalintensive und langfristig angelegte Ölprojekte werden es in Zukunft schwer haben, in den Vorstandsetagen und bei den Banken grünes Licht zu bekommen. Das gilt für die Erschließung der Arktis, brasilianisches Tiefwasser, kanadische Ölsande oder auch Projekte im Schwerölsektor. Ebenso aber auch für andere riskante Hochpreisprojekte wie innovative Biokraftstofftechnologien, Konversionsanlagen wie Gas-to-Liquids oder Coal-to-Liquids und eventuell sogar für die Markteinführung neuer Antriebstechnologien im Straßen- und Schiffsverkehr.
Die aktuelle Investitionskrise, Einnahmeverluste der Ölexporteure sowie der Nachfrageschub durch niedrige Ölpreise erzeugen kurz- und mittelfristig erhebliche Preisrisiken, die einen erneuten Preisanstieg auslösen können:
• Der Boom der amerikanischen Schieferölbranche scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Schon ab dem Frühsommer werden die Produktionsmengen voraussichtlich sinken. Die Zahl der aktiven Bohrplattformen (Rigs) wurde halbiert. Die Zeichen einer Vollbremsung in den Schieferölregionen mehren sich damit, da die einzelnen Vorkommen schnell erschöpft sind.
• Die globale Ölnachfrage scheint schneller als erwartet zu steigen. Entgegen den Prognosen verlagert sich die Dynamik aktuell wieder stärker in die Industrieländer. Ein Nachfragezuwachs von deutlich über 1,0 Prozent scheint sich anzubahnen.
• Die steigende Ölnachfrage kann nur gedeckt werden, wenn auch außerhalb der USA die Förderkapazitäten permanent ausgebaut werden. Die Stabilität wichtiger Förderländer ist jedoch gefährdet: Mit Libyen, Syrien, Irak und Jemen befinden sich vier Staaten in der ölreichsten Region der Welt im Bürgerkrieg. Zwei weitere wichtige Produzenten, Iran und Russland, sind mit Wirtschaftssanktionen belegt. Zwei OPEC-Produzenten, Venezuela und Nigeria, durchlaufen schwere fiskalische und innenpolitische Krisen.
• Die aktuelle Preiskrise und internationale Konflikte verursachen drastische Investitionskürzungen bei langfristig angelegten Ölprojekten. Das Öl dieser Projekte wird in den 2020er Jahren fehlen. Daraus entstehen mittelfristig erhebliche.
Fazit
Die aktuelle Niedrigpreisphase im Ölmarkt erzeugt also umso größere Preisrisiken, je länger sie andauert. Sie verursacht derzeit noch unüberschaubare politische Risiken in labilen Ölexportländern und führt zur Verschiebung großer Kapitalströme von den Ölproduzenten zu den Ölverbrauchern. Die Investitionen der Ölbranche schrumpfen daher, während der Verbrauch schneller als erwartet zunimmt. Die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen globalen Ölpreiskrise im kommenden Jahrzehnt steigt dadurch erheblich.
Die aktuell niedrigen Ölpreise sollten also nicht als energiepolitisches Ruhekissen missverstanden werden. Sie sollten vielmehr als finanzielles Sprungbrett dienen, um durch entsprechende Investitionen den Ölverbrauch rechtzeitig zu verringern und volkswirtschaftliche Risiken damit nachhaltig zu minimieren.
