Russland geht das Öl aus. Diese Nachricht überbrachte im letzten Monat nicht irgendwer, sondern der Vizechef von Lukoil, eines der größten russischen Erdölförderunternehmen. Was Experten schon lange orakelten, bekommt damit einen halboffiziellen Stempel: Russland hat den Förderhöhepunkt beim Erdöl überschritten und wird in den nächsten Jahren kontinuierlich weniger des industriellen Schmiermittels auf den internationalen Märkten anbieten können.
Diese Meldung passt zu den aktuellen Befürchtungen der Internationalen Energieagentur (IEA). Diese wurde angesichts der Ölkrise in den 70er Jahren von den westlichen Industrienationen gegründet, insbesondere um die Entwicklungen auf den Ölmärkten zu beobachten. Bisher hat die Agentur ein Knappheitsproblem stets geleugnet, jetzt findet aber ein deutlicher Schwenk statt. Der Chefökonom der IEA hat Anfang April eingeräumt, dass sie mit einer Versorgungslücke von rund 15% des Weltölbedarfs bis 2015 rechnen. Andere Forschungsgruppen, wie die unabhängige "Energy Watch Group", gehen von 25 % aus.
Schon seit einigen Jahren deutet sich diese Entwicklung an: heute wird pro Jahr viermal so viel Öl verbraucht wie neu gefunden. Das hat einen Grund: Öl kommt nur unter bestimmten geologischen Voraussetzungen vor, die gut bekannt sind. Daher gibt es nur eine eingeschränkte Menge von geeigneten Fundorten. Diese sind mit wenigen Ausnahmen sehr gut untersucht. Besonders die großen Ölfelder sind leicht zu entdecken und werden in vielen Fällen bereits seit Jahrzehnten genutzt. Heute werden zwar immer noch neue Ölfelder entdeckt, diese sind allerdings deutlich kleiner und liegen häufig in schwer zugänglichen Gebieten wie der Arktis oder in der Tiefsee. Es ist nicht zu erwarten, dass sich diese Entwicklung umkehren wird.
OPEC schummelt
Zwar weisen die OPEC Staaten noch offiziell viele schlummernde Reserven aus, diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen. Mitte der 1980er Jahre legte die OPEC fest, dass alle Mitgliedsländer nur in Relation zu ihren Reserven Fördermengen zugeteilt bekommen. Damit einher ging schlagartig eine bei allen Ländern offiziell vorgenommene Höherbewertung ihrer Ölreserven und eine von da an weiterhin zunehmende Intransparenz der tatsächlichen Fördermöglichkeiten. Die IEA spricht hier auch von einem Blindflug bezüglich der verfügbaren und überprüfbaren Daten. Aber auch die noch tatsächlichen vorhandenen Reserven sind angesichts der steigenden Nachfrage – vornehmlich aus dem asiatischen Bereich – kein Grund sich zurückzulehnen: Pro Jahr wuchs in letzter Zeit die Nachfrage trotz stark gestiegener Ölpreise im Schnitt um mehr als 2 Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag. Das ist etwas weniger als der Bedarf von Deutschland. Zum Vergleich: Saudi-Arabien als weltweit größter Produzent und "Reserveninhaber" produziert nach wie vor 9 Millionen Ölbarrel am Tag. Eine Verdopplung der saudischen Kapazitäten – die es nach Expertenmeinungen nicht geben kann – würde den Markt nur für etwas mehr als 4 Jahre im Gleichgewicht halten.
Ölverbrauch bis 2020 halbieren
Eine weitere Nachschubquelle – Erdöl aus Teersänden – verspricht ebenfalls wenig Potenzial. Im Gegensatz zu konventionellem Erdöl liegen sie nicht flüssig vor, sondern müssen mit Baggern und Schaufeln aus dem Erdreich geholt werden. Danach ist eine aufwändige Verflüssigung notwendig, die große Mengen Wasser und Erdgas benötigt. Das verschmutzt nicht nur die Umwelt, sondern führt zu einer Abholzung von Wäldern und einer Verdopplung des CO2 Ausstoßes. Dabei ist entscheidend, dass es nicht möglich ist, große Mengen der Teersande in kurzer Zeit aus dem Boden zu holen und zu Erdöl umzuwandeln. Alle Experten sagen uns, dass die verstärkte Nutzung von Teersanden den Peak Oil – den Förderhöhepunkt bei Erdöl - nicht aufhalten kann, sondern lediglich der Rückgang der Fördermengen verlangsamt.
Was heißt das? Wir werden uns auf weitere Preissteigerungen beim Erdöl einstellen müssen. Bereits heute kostet das Barrel mehr als 120 $ an den Börsen. Vor 10 Jahren waren es noch 12 $. Das Deutsche Institut für Wirtschaft hält sogar 200 $ für nicht unrealistisch. Vor diesen möglichen Entwicklungen kann man nicht die Augen verschließen. Wir müssen weg vom Öl, bevor es uns verlässt. Andere Länder haben die notwendigen Konsequenzen schon gezogen. Schweden hat mit dem Öl-Entzug begonnen und möchte 2020 rund 50 Prozent weniger vom "schwarzen Gold" verbrauchen. Diesem Vorbild sollten auch wir Deutsche nacheifern. Wir brauchen dafür ein anderes Verkehrskonzept, effizientere Autos und die Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Die Alternativen gibt es, wir müssen sie nur nutzen. Fangen wir also an - die steigenden Belastungen des Ölpreises werden uns sonst schwer zu schaffen machen!
