Im klirrenden Winter droht der Stromausfall. Der Kraftwerkspark kann die steigende Nachfrage nicht mehr decken, das Land ist auf massive Stromimporte von seinen Nachbarn angewiesen. Die Strompreise explodieren. Stundenweise kostet Elektrizität an der Strombörse über 30 Cent/kWh, das fünf- bis sechsfache des Üblichen. Internationale Beobachter warnen vor einer Überlastung der Stromnetze. Die Regierung ruft zum sparsamen Einsatz von Elektrogeräten auf. Energieintensiven Industriebetrieben werden Zwangsabschaltung in Aussicht gestellt.
Ein Schreckensbild von Deutschland nach dem Atomausstieg? Nein, die Realität in Frankreich im Februar 2012. Die Grande Nation wird diesen Winter von den Schwächen ihres atomfixierten Energiekonzepts eingeholt. Im Glauben an unbegrenzt verfügbare, vermeintlich billige Atomkraft, hat Frankreich nie sonderlich auf Energieeffizienz geachtet. Für warme Wohnungen sorgen hoch ineffiziente Stromheizungen. Die Folge: Aktuell verbraucht der Durchschnittsfranzose rund zweieinhalb mal soviel Strom wie ein Bundesbürger.
Im kalten Winter braucht Frankreich mehr Strom, als seine Atomkraftwerke liefern können. Doch während zur Zeit Solaranlagen auf deutschen Dächern tagsüber soviel Strom einspeisen wie acht Großkraftwerke und die Windkraft an die 10% zur Stromversorgung beiträgt, spielen erneuerbare Energien westlich des Rheins nur eine Nebenrolle. Das Ergebnis: Deutschland exportiert fleißig Strom, Frankreich importiert ihn. Zeitweise liegt der französische Stromaustausch bis zu 7.000 Megawatt im Minus. Das ist nur eine Momentaufnahme, gewiss. Doch sie kratzt am Mythos, Atomkraft schaffe Versorgungssicherheit und niedrige Preise.
Dagegen steht Deutschland ein knappes Jahr nach Abschaltung der Hälfte seiner Atomkraftwerke gut da. Auch 2011 wurde hierzulande mehr Strom erzeugt als verbraucht. Der Boom der erneuerbaren Energien hat den Wegfall der alten Atomkapazitäten größtenteils aufgefangen. Die Stromnetze sind stabil, Bundesnetzagentur und Netzbetreiber melden trotz Winterfrost: Alles im Griff! Und Strom war, gemessen am Börsenpreis, Anfang des Jahres sogar billiger als vor Fukushima. Die zum Teil schrillen Warnungen vor dem deutschen Atomausstieg haben sich bisher als Panikmache entpuppt.
Ein Grund: Deutschland war vorbereitet. Der Atomausstieg war seit dem rot-grünen Atomkonsens von 2000 geplant. Mit dem erfolgreichen Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) wurde der Boom von Wind-, Sonnen- und Bioenergie ausgelöst, der gefährliche Atomkraftwerke verzichtbar macht. Nun lässt sich feststellen: Der Atomausstieg funktioniert.
Das heißt nicht, dass der Erfolg der Energiewende schon gesichert wäre. Im Gegenteil: Die Bundesregierung ist im Begriff, die gute Ausgangslage in Deutschland zu verspielen und die Energiewende doch noch vor die Wand zu fahren. Statt den Weg zu bereiten für erneuerbaren Energien, mehr Energieeffizienz, neue Stromnetze und effiziente Gaskraftwerke, lähmen sich Wirtschafts- und Umweltminister gegenseitig. Minister Rösler will den Ausbau der Solarenergie stoppen und das EEG abschaffen. Bei der Energieeffizienz blockt er jeden Fortschritt ab. Der Netzausbau kommt nicht voran. Und der Klimafonds der Bundesregierung wurde gerade um die Hälfte gekürzt: Weniger Geld also für Gebäudesanierung, Elektroautos und erneuerbare Wärmeenergie. Wenn die Bundesregierung so weitermacht, kann die Energiewende immer noch scheitern. Dann könnten uns im nächsten Winter französische Verhältnisse drohen.
