Dieser Brief (in Auszügen) der japanischen Schülerin Mina Sato, welche vor drei Jahren aus Fukushima flüchten musste, wurde am 8. März auf der Anti-AKW-Kundgebung in Jülich erstmals vorgetragen. Sie warnt eindringlich vor dem Vergessen der Katastrophe. (Deutsche Übersetzung: Tomoyuki und Eva Axnix-Takada / Atomfree Japan und Silvia Oppel)
„Vergebt uns! ...... Unseretwegen müsst Ihr heute so leiden!“ , sagte eine unbekannte weinende Frau zu mir.
Ich brachte keine Antwort hervor.
Es wäre eine Lüge, wenn ich sage, ‚so schlimm war es nicht’.
Ich bleibe in Fukushima, sage ich. Meine Mutter ist niedergeschlagen.
So möchte ich sie nicht sehen.
Wenn ich in Fukushima bleibe, steigt die Wahrscheinlichkeit einer späteren Erkrankung. Heiraten, Kinder –Kriegen: ... der innere Widerstand wächst.
Trotzdem ein Kind zur Welt bringen, - dann kann es im Leid leben.
Und das Meinetwegen!
Warum hätte ich es zur Welt gebracht?? Schuldgefühle und Reue würden mich immer quälen. – Das ist nicht hundertprozentig sicher, - aber die Wahrscheinlichkeit steigt.
Die Ursachen dafür sind die AKW-Unfälle vom 11.März.
Der Austritt der Radioaktivität hört nicht auf.
Vieles kann man im Alltag vergessen.
Vergessen, Lachen ... ich kann wieder Spaß haben.
Aber „Atomkraftwerk“, „radioaktive Strahlung“, „Unfallgeschädigte“ ... das sind doch die Worte, wo ich das Lachen wieder nicht mehr halten kann. Der Kopf fängt an weh zu tun, die Brust zieht sich zusammen.
Ich denke eigentlich, die AKW-Gefahren sind einem an sich bewusst.
Trotzdem tut man so, als wenn nichts wäre.
Damit macht man sich schuldig, - vielleicht noch schwerwiegender als diejenigen, die daran direkt beteiligt sind.
Ich bin auch so. Wenn das Heute und Jetzt ok ist und mir Spaß macht, soll die Zukunft mich nicht belasten ... wenn sie auch ganz dunkel ist.
Aber dieses „Ich“ mit diesen Fluchtgedanken möchte ich nicht mehr für mich akzeptieren. Das tue ich nicht mehr!
Was heute zu tun ist, heißt nicht ‚das Verbleiben in Fukushima’.
Zu schützen ist nicht die Fukushima-Region, ...
Zu schützen ist meine eigene Gesundheit.
Damit das nächste Leben glücklich wird und das darauf folgende Leben geboren und gesund sein kann, muss das ICH von heute gesund bleiben.
Ich möchte nicht, dass das unschuldige Leben im Leid leben wird.
Mein Schuldgefühl kann ich nur loswerden, wenn ich die nächste und übernächste Generation so schützen kann.
Aber da geht es nicht nur um mich. Ich denke, das betrifft die ganze Welt! Es tritt heute noch die Radioaktivität unvermindert aus. Sie fließt auch ins Meer. - Man sagt, es sei ja nur ein bisschen, man könnte ja eh nichts sehen. So zu denken, geht aber überhaupt nicht!
Die Gefahr ist um so ernster. ...
Ich möchte, dass jeder weiß, dass die Zukunft der Kinder gefährdet ist.
Ich bin jedem hier dankbar, wenn er zuhört.
Dieses Leid, diesen Schmerz darf ich nicht in Vergessenheit geraten lassen.
Einige ergänzende Informationen zum Aufsatz
Die Mutter von Mina heißt Yukiko Sato und ist seit der Katastrophe vom 11.3.2011 aktiv in der „Initiative zum Schutz der Kinder in Fukushima und Umgebung vor radioaktiver Strahlung“.
Sie ist Mutter von 5 Kindern und führte bis zum AKW-Unfall von Fukushima-Daiichi über 30 Jahre ihren eigenen Biohof mit Selbstversorgung in Fukushima.
Sie ließ ihre Kinder bereits am 13.03.2011 in die Nachbarpräfektur Yamagata flüchten. Mina und ihre Geschwister mussten danach einige Monate alleine dort leben, weil ihre Mutter in der Bürgerinitiative so sehr aktiv war.
Mina ist heute Highschool-Schülerin und lebt in einem Internat in der Yamagata-Präfektur.
Bärbel Höhn dankt Tomoyuki und Eva Axnix-Takada für die Übersetzung des Textes und die vielen interessanten Kontakte, die er vermittelt hat.
