06.04.2006

Nikotin hat in Eiern und Geflügelställen nichts zu suchen

Ein Gastbeitrag von Bärbel Höhn in der Frankfurter Rundschau


Alles deutet darauf hin, dass wir gerade auf einen großen Lebensmittelskandal zu steuern. Die Behörden in Niedersachsen und insbesondere der dortige Landwirtschaftsminister Ehlen spielen dabei eine zentrale Rolle.

 Das Nikotin wurde nach derzeitigen Erkenntnissen Ende letzten Jahres in vielen Ställen des größten deutschen Eierproduzenten eingesetzt. Betroffen sind nach jetzigem Sachstand ausnahmslos Käfigbatterien. Gerade diese Form der Massentierhaltung ist besonders auf chemische und pharmazeutische Mittel angewiesen, damit Keim- und Ansteckungsherde nicht in Kürze ein Massensterben auslösen. Aufgrund der gefundenen Schadstoffkonzentrationen in Eiern und Federn muss bei der Anwendung von Nikotin etwas gehörig schief gelaufen sein.

Durch einen anonymen Hinweis erhielten die Behörden Anfang des Jahres erstmals Kenntnis von dem Nikotineinsatz. Es dauerte mehr als 2 ½ Monate bis die Verwaltung endlich Messungen durchgeführt hat. Selbst zu diesem Zeitpunkt konnte noch Nikotin nachgewiesen werden. Wie hoch muss da wohl die Konzentration Ende des letzten Jahres, Anfang dieses Jahres gewesen sein. Durch das späte Eingreifen der Behörden sind aller Voraussicht nach nikotinhaltige Eier in den Handel gelangen. Über 1 Millionen Hühnern wurden gesperrt. Jede Henne legt ein Ei pro Tag.

 

100 Millionen belastete Eier im Handel

Wir müssen vermuten, dass weit über 100 Millionen belastete Eier aus Käfighaltung seit einigen Monaten in den Handel gelangt sind. Wo sind die Eier hingegangen? Wurden sie als Frischei verkauft und in welchen Produkten sind sie weiterverarbeitet worden? Der Verbleib ist schnellstmöglich zu klären. Gegebenenfalls muss es eine Rückrufaktion geben.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Ehlen, der gerne Schadstoffe in einer Handvoll Bio- oder Freilandeier brandmarkt, schweigt, wenn es sich um 100 Millionen nikotinhaltige Käfigeier handelt. Das hat System! Denn genau diese Massentierhaltung soll jetzt zementiert werden.

Am Freitag steht im Bundesrat die Käfighaltung von Hennen wieder auf der Tagesordnung. Zur Abstimmung steht ein Antrag von Niedersachsen, NRW und Mecklenburg-Vorpommern über eine deutliche Verschlechterung der Legehennen-Verordnung aus Tierschutzsicht.

 

Entscheidung über Zukunft der Käfighaltung

Die Batteriekäfighaltung soll zwei Jahre verlängert werden. Der neue Käfig, die so genannte Kleinvoliere, soll dann bis zu 60 cm hoch sein. Nun gibt es nicht mehr eine knappe, sondern eine gute DIN A 4 Seite Platz für eine Henne. Was für ein Fortschritt!

Nicht nur aus tierschutzpolitischen Gründen darf der Bundesrat am Freitag der Wiedereinführung der Käfighaltung nicht zustimmen. Auf der Tagesordnung steht auch die Qualitätsstrategie grüner Landwirtschaftspolitik. Wir können nicht die Billigsten  in Europa sein, wir müssen bei der Qualität bzw. den gewünschten Standards die Nase vorn haben. Das zahlt sich aus. Die Schweizer haben uns das vorgemacht. Bereits 1991 sind sie aus der Käfighaltung ausgestiegen. Mit Verbraucheraufklärung und einer kooperierenden Geflügelindustrie haben sie es geschafft den Selbstversorgungsgrad des Landes mit Eiern deutlich zu steigern. Für ein Umdenken bei der Massentierhaltung spricht auch ein weiteres Argument: Schließlich ist ein Hauptgrund für die rasante Ausbreitung der Vogelgrippe in Asien der dortige Aufbau großer intensiver Geflügelbestände in den letzten Jahren gewesen. Es ist höchste Zeit umzusteuern.