
Angesichts der Resistenzentwicklung der letzten Jahre warnen immer mehr Mediziner vor einem „postantibiotischen“ Zeitalter, in dem Alltagskrankheiten wieder einen lebensgefährlichen Verlauf nehmen können. Eine der Ursachen für die Resistenzentwicklung liegt in dem allzu sorglosen Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin. Die davon ausgehenden Gefahren beschreibt Dr. Angela Spelsberg vom Tumorzentrum Aachen in dem Gutachten „Folgen des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in Human- und Veterinärmedizin“, das die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in Auftrag gegeben hat.
Demnach sind mittlerweile 4-8% der Bevölkerung, also bis zu 6,4 Millionen Deutsche Träger von ESBL-Keimen (Extended Spectrum beta Laktalasen), Tendenz steigend. Diese Keime sind Resistenzgene, die andere Keime resistent machen gegen eine Vielzahl von antibiotischen Wirkstoffen. Übertragungsweg ist z.B. der Konsum von belasteten Lebensmitteln vor allem der Verzehr von rohem Mett. Auch andere multiresistente Keime sind auf dem Vormarsch. So gibt es mittlerweile Keime, die gegen Breitbandantibiotika der Gruppe der Carbapeneme resistent sind. Wenn Bakterien gegen diese Antibiotika resistent sind, sind sie auch gegen die allermeisten anderen antibiotischen Wirkstoffe resistent.
Diese Entwicklungen sind gerade auch für die Krankenhausmedizin sehr bedenklich. Schon heute sterben zwischen 10000 und 30000 Menschen an durch multiresistente Keime verursachte Infektionen. Viele Behandlungen im Krankenhaus wie Operationen, Organtransplantationen, Knochenmarkspenden aber auch Chemotherapien sind mit einem hohem Infektionsrisiko verbunden. Wenn Antibiotika weiter in der Wirkung nachlassen steht das Leben von immer mehr Menschen auf dem Spiel.
Was ist zu tun?
Neben einem sorgsameren Umgang mit Antibiotika im Bereich der Humanmedizin brauchen wir auch und vor allem eine drastische Senkung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung. Die Bundesregierung hat es leider versäumt Maßnahmen vorzulegen, die den Einsatz wirklich zurückführen. Unter starkem öffentlichen Druck hat schwarz-gelb sich gerade einmal dazu durchringen können, den Einsatz besser zu dokumentieren. Das Problem ist jedoch längst bekannt: Gerade das System der Massentierhaltung ist auf permanenten Einsatz von Antibiotika angewiesen. Wenn ein Tier krank ist wird prophylaktisch der ganze Bestand versorgt. Dieses System gefährdet die Gesundheit der Menschen. Die Grüne Bundestagsfraktion fordert daher, die Tierhaltung grundsätzlich umzustellen: Mehr Platz, mehr Auslauf, mehr Frischluft für jedes Tier, das führt nachweislich zu geringerem Antibiotikaeinsatz. Wir wollen außerdem, dass im Krankheitsfall nur das einzelne Tier oder klar abgrenzbare Tiergruppen mit Antibiotika behandelt werden; in diesem Zusammenhang sprechen wir uns für die Einrichtung von Krankenställen aus, damit sich Infektionen nicht ausbreiten. Weiter muss der Einsatz der besonders wichtigen Reserveantibiotika in der Tierhaltung endlich wirksam verboten werden; genauso wie die Mengenrabatte für Antibiotika: Es kann nicht sein, dass Tierhalter noch belohnt werden, wenn sie in Massen Antibiotika einsetzen.