
Gastkommentar von Bärbel Höhn am 11.8.2014 im HANDELSBLATT
Bärbel Höhn warnt vor einem neuen Finanzcrash und rät Investoren, aus fossilen Konzernen herauszugehen.
Normalerweise gehört Anlageberatung nicht zum Repertoire von Politikern. Bei den absehbaren Folgen des Klimawandels und den entsprechenden politischen Entscheidungen muss man aber in diese ungewohnte Rolle springen.
Wir dürfen als Menschheit höchstens weitere 600 Gigatonnen CO 2 in die Atmosphäre pusten, wenn wir nicht ein totales Wetterchaos und Artensterben im Rahmen eines Klimawandels erleben wollen. Das ist eine Herausforderung, denn heute liegt der jährliche Ausstoß global bei rund 34 Gigatonnen. Theoretisch haben wir nur knapp 20 Jahre für eine komplette Vollbremsung.
Im Idealfall wird sich die Staatengemeinschaft schon 2015 in Paris auf die Grundzüge eines neuen Klimaabkommens einigen. Doch je stärker wir den Klimaschutz voranbringen, desto mehr geraten jene Konzerne unter Druck, die Kohle, Öl und Gas fördern. Exxon Mobil, Shell, Vattenfall und die anderen besitzen ein Viertel der globalen fossilen Reserven und haben diese zum Großteil bereits in den Unternehmenswert integriert.
Mehr als die Hälfte dessen ist das, was als "stranded assets" diskutiert wird: Wertverluste in Milliardenhöhe, die nur deshalb von den Börsen noch nicht mit Kurseinbrüchen bestraft wurden, weil man sich dort nicht vorstellen kann, dass eine ambitionierte Klimapolitik kommen wird. Diese Überbewertung gleicht einer neuen Finanzmarktblase - der "Carbon Bubble".
Konzerne mit Tausenden von Mitarbeitern investieren weiter in fossile Rohstoffe; trotz der klaren Worte des Weltklimarates. Doch für alle, die Aktien dieser Firmen halten, könnte es ein böses Erwachen geben. Viele Städte im Ruhrgebiet besitzen Aktien des Energieriesen RWE, weswegen sie dreistellige Millionenbeträge abschreiben müssen. Neben den Kommunen haben auch Privatleute, Banken und Versicherungen ihre Hand über Aktien, Krediten oder Anleihen in diesem riskanten Geschäft. 250 Milliarden Euro beziehungsweise fünf Prozent des Gesamtvermögens der europäischen Pensionsfonds und über eine Billion Euro aus der Finanzwirtschaft sind mit fossilen Rohstoffen verbunden und somit akut von einer Minderung des Marktwertes bedroht.
Die Interessen der Konzerne und Anteilseigner stehen so dem Klimaschutz diametral gegenüber. Anderswo gibt es bereits eine breite Divestment-Bewegung: Es begann an Universitäten wie Stanford und reicht von großen Städten wie San Francisco bis zum beschaulichen Boxtel in Holland. In Deutschland streiten Umweltverbände und Grüne schon lange dafür, dass die staatliche KfW keine Kohlekraftwerke im Ausland finanziert. Bisher scheiterten sie an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Dabei ist ein Divestment aus fossilen Konzernen volkswirtschaftlich das Sinnvollste.
Klimaschutz ist keine reine "Win-win-Situation", und es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass die Transformation keine Verlierer mit sich bringen würde. Arbeitsplätze in der fossilen Industrie müssen sanft abgebaut werden. Gleichzeitig stehen den Verlierern Hunderttausende neue Jobs durch Erneuerbare und Energieeffizienz gegenüber. Wenn wir die Zukunft unserer jungen Generation nicht weiter verspielen wollen, müssen wir auch diese Entscheidung bald treffen. Die Autorin ist Grünen-Politikerin und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Bundestag. Sie erreichen sie unter: gastautor@handelsblatt.com