21.01.2008

Interview zu Gentechnik und Klimawandel

Interview im Tagesspiegel vom 21. Januar 2008   

TSP: Die Saatgutkonzerne, die es bis heute nicht geschafft haben, die grüne Gentechnik in Europa zu etablieren, haben ein neues Argument: die Anpassung an den Klimawandel. Sie könnten die Pflanzen entwicklen, die gebraucht würden, um mit den Folgen der globalen Erwärmung fertig zu werden, etwa durch dürreresistente Sorten. Ist da etwas dran?

Höhn:Die Gen-Lobby war  immer Weltmeisterin im Ankündigen und Kreisklasse bei der Umsetzung. Trockenresistente Sorten, um den Hunger in den Dürrezonen der Welt zu bekämpfen, haben die Konzerne ja schon ewig versprochen, oder Gemüsesorten, die mit Salzwasser auskommen. Es ist bei der Ankündigung geblieben. Das liegt wohl auch daran, dass diese Ziele mit der grünen Gentechnik nur schwer erreicht werden können. Eine Pflanzeneigenschaft hängt eben meistens nicht nur an einer kleinen Gensequenz sondern an mehreren. Wenn man das ändern will, und als Technik nur dieses Schnippelverfahren hat, bei der eine kleine Gensequenz irgendwo rausgenommen und anderswo wieder eingesetzt wird, kommt man  eben nicht sehr weit. Viel interessanter sind die Verfahren des sogenannten Smart Breeding, also der intelligenten Züchtung. Dabei wird das Wissen über die Genetik der Pflanzen für konventionelle Züchtungsmethoden genutzt, indem Eigenschaften innerhalb von verwandten Sorten besser ausgetauscht werden können. Damit lässt sich die Züchtung erheblich verbessern und beschleunigen.  Das ist der erfolgversprechendere Weg.

TSP: Für die Anpassung an den Klimawandel wird es mehr Geld geben.  Das ist doch für die Saatgutkonzerne eine große Verlockung, oder?

Höhn: Eine amerikanische Firma hat einen Reis entwickelt, der weniger Stickstoffdünger verbraucht und bei dessen Anbau damit weniger Treibhausgase entstehen sollen. Dafür will diese Firma Mittel aus dem sogenannten Saubere-Entwicklungs-Mechanismus (CDM), mit dem Firmen in Entwicklungsländern Klimaschutzprojekte fördern können, um sich Emissionszertifikate gutschreiben zu lassen.   Ich glaube, dass wir gerade beim CDM sehr vorsichtig sein müssen, was damit gefördert wird.  Ich bin  überzeugt davon, dass die Konzerne versuchen werden, sich ihre  ungeliebte Technologie mit Klimaschutzgeld finanzieren zu lassen. Denn im Akquirieren von Geld sind sie ziemlich gut. Wenn für das Smart Breeding auch nur ein Bruchteil der Forschungsmittel fließen würde, die in die grüne Gentechnik investiert werden und wurden, wären wir schon viel weiter.

TSP: Ein anderer Absatzmarkt, auf den die Saatgutkonzerne hoffen, sind Biotreibstoffe. Da lauten die Versprechen, mehr Ertrag auf weniger Fläche. Schaffen sie damit den Durchbruch der grünen Gentechnik in Europa?

Höhn: Die Ankündigungen sind auch da weiter als die Praxis, momentan gibt es keine entsprechenden Pflanzen auf dem Markt und es ist auch nichts in Sichtweite. Es gibt zwar einen Riesenmais von der KWS Saat AG speziell für Biogasanlagen. Aber der ist eine konventionelle Züchtung mit Smart Breeding. Wenn man mehr Energie in die Pflanzen bringen will, reicht es eben wiederum nicht aus, nur eine Gensequenz zu ändern. Da muss man an mehreren Punkten anzupacken. Auch da ist Smart Breeding der grünen Gentechnik weit überlegen.

TSP: Warum steigen die Saatgutkonzerne dann nicht auf das Smart Breeding um? Mit der grünen Gentechnik haben sie ja zumindest in Europa keinerlei kommerziellen Erfolg.

Sie retten sich eigentlich nur mit dem Recht auf ihre Patente. Die herausgeschnippelten Gensequenzen, die irgendwo anders eingebaut werden, stehen unter Patentschutz. Und wo immer diese Gensequenz wieder auftaucht, sind die Konzerne da und wollen Lizenzgebühren kassieren. In Kanada und den USA kommt es deswegen immer öfter zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Bei der konventionellen Züchtung dagegen, ist  die zu patentierende Leistung  schwerer nachzuweisen als zum Beispiel das Gen eines Bakteriums, das in einer Pflanze eben natürlich nicht vorkommt und deshalb auch leicht zu finden ist.  Es ist ein ganz anderes Geschäftsmodell.

TSP: Frankreich hat den Gentech-Mais MON<TH>810 gerade verboten. Was bedeutet das für Deutschland?

Höhn: Der Druck auf Minister Seehofer wird steigen, dass der Genmais – der übrigens auch in Österreich, Polen und Ungarn verboten ist – hier nicht zur Aussaat freigegeben wird.  Er hat sich an dem Punkt insgesamt sehr widersprüchlich verhalten. Im vergangenen Jahr hat er, nachdem der Mais ausgesät war, den Anbau von MON 810 verboten. Seine Behörde argumentierte damit, dass es neue Erkenntnisse gebe, dass MON810 negative Auswirkungen auf die Umwelt habe. Dann hat er das Verbot wieder aufgehoben. MON 810 hat auf EU-Ebene eine zehnjährige Genehmigung, die bald ausläuft. Die meisten Experten erwarten nicht, dass dieser Mais eine neue EU-Genehmigung bekommen wird, weil es  viele Erkenntnisse gibt, die auf Probleme durch die Pflanze hinweisen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Seehofer 2005 als eine seiner ersten Amtshandlungen MON 810 überhaupt zugelassen hat.  Seehofer fährt einen Zickzackkurs. Er unternimmt nur dann etwas gegen die Gentech-Industrie, wenn es dieser nicht schadet.

TSP: Einer solchen Politik sind aber international  Grenzen gesetzt. Die USA haben die Welthandelsorganisation (WTO) angerufen, um die EU zu einer gentech-freundlicheren Haltung zu bewegen. Die Fristen dafür laufen gerade ab. Wie viel Handlungsmöglichkeiten hat die EU denn noch?

Höhn: In den USA haben  die meisten Gen-Unternehmen ihren Sitz, und die USA setzen sich massiv für deren Interessen ein. Nachdem Seehofer 2007 vorübergehend den MON 810 der amerikanischen Firma Monsanto verboten hatte, standen am nächsten Tag Vertreter der US-Botschaft im Kanzleramt auf der Matte.  Ich hoffe, dass die EU ihren gentechnik-kritischen Kurs beibehält. Unsere kleinräumige Landwirtschaft ist für diese Technologie nicht geeignet, weil ein Nebeneinander ohne negative Konsequenzen gar nicht garantiert werden kann. Mit Europa würde ein wichtiges Bollwerk gegen die grüne Gentechnik fallen und ihr tatsächlich zu einem weltweiten Durchbruch verhelfen. Ich hoffe darauf, dass die Nachteile der Gentechnik, je länger sie angewendet wird, deutlicher werden. Es gibt immer mehr Länder, die nach einer längeren Anwendung immer stärker die Nachteile sehen. Die EU wird versuchen müssen, diese Übergangszeit zu überbrücken, bis der Widerstand weltweit stärker wird.

TSP: Warum sind die Grünen eigentlich gegen das neue Gentechnikgesetz, obwohl es doch kaum etwas ändert?

Höhn: Auf den ersten Blick vielleicht, weil sich insbesondere beim zentralen Haftungsparagraphen nichts ändert. Durch die Hintertür werden aber viele Schadensfälle ausgehebelt, so dass per Definition überhaupt kein Problem mehr existiert.  Außerdem sind die einzuhaltenden Abstände zwischen konventionellen und Genfeldern mit 150 Metern viel zu gering angesetzt, weil der Gen-Pollen durch Wind und Insekten sich über wesentlich größere Distanzen in andere Felder einkreuzent. Außerdem können Nachbarn durch Absprachen die Abstände auch auf Null reduzieren.

TSP: Aber  diese Absprachen werden in das öffentlich zugängliche Standortregister eingetragen. Dann wird den Bauern die Hölle heiß gemacht. Wer würde sich denn darauf freiwillig einlassen?

Höhn: Wir haben doch erlebt, dass durch die Genehmigung von MON 810 der Anbau auch tatsächlich erheblich gestiegen ist. 2005 waren es  350 Hektar, 2006 schon 1700 und 2007 bereits  2685 Hektar. Auch diese neue Regelung wird in Anspruch genommen werden.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.