13.03.2015

Märchen von der De-Industrialisierung

Es existiert ein hartnäckiges Vorurteil: Deutschland sei weltweit Vorreiter beim Klimaschutz. Durch die daraus resultierenden Investitionen in die Energiewende ist der Strompreis unter die Decke gegangen und führe zu einer Gefährdung der industriellen Basis. Gerade die energieintensive Industrie hätte darunter zu leiden und würde an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Bei näherer Betrachtung ist diese These nahezu ohne Substanz.

Fangen wir bei der deutschen Vorreiterrolle an. Die gibt es in der unterstellten Form schon lange nicht mehr. Im Wärme-, Verkehrs- und Effizienzbereich stehen wir kurz vor dem Offenbarungseid, weil dort seit Jahren kaum Fortschritte bei der CO2 Einsparung zu verzeichnen sind. Im Strombereich liegt der Anteil der Erneuerbaren Energien bei fast 30 %. Für ein Industrieland ist das sehr ordentlich. Jetzt verharrt aber die Bundesregierung. Sie nimmt Tempo mit der EEG Novelle heraus und bereitet nicht den Schritt für die nächsten 20 % Erneuerbare vor. Stichworte sind hier: schleppender Netzausbau, mittelmäßiges Lastmanagement oder fehlende Speicherstrategie. 

Unter dem Strich muss man leider konstatieren, dass echte Maßnahmen Mangelware sind und stattdessen die Sonntagsreden dominieren. Das Ziel 40 % CO2 bis zum Jahr 2020 einzusparen, wird immer unwahrscheinlicher. Deutschland ist definitiv nicht mehr Vorreiter, sondern ein stark abgestürzter ehemaliger Klassenprimus.

Daten vom statistischen Bundesamt

Kommen wir zum zweiten Teil des Vorurteils, den Strompreisen. Ja, sie sind gestiegen, aber hauptsächlich für die privaten Verbraucher, kleinere Betriebe und das Gewerbe. Sie finanzieren hauptsächlich die Energiewende. Deswegen kann ich Äußerungen vom VCI, BDI oder kürzlich Herrn Lauck vom CDU Wirtschaftsrat nur bedingt ernstnehmen, dass die hohen Strompreise einer De-Industrialisierung Deutschlands Vorschub leisten. Offizielle Daten und andere Entwicklungen sprechen hier eine deutliche Sprache: 

Die Strompreise für die Industrie haben sich seit dem starken Ansteigen der EEG Umlage kaum verändert. Laut statistischem Bundesamt zahlt die Industrie momentan annähernd das gleiche für eine Kilowattstunde, wie im Jahr 2008. Die Zahl der Arbeitsplätze ist laut statistischem Bundesamt im Bereich der energieintensiven Industrie parallel zum Anstieg der EEG Umlage stark gestiegen. Deutschland ist mittlerweile für die energieintensive Industrie mit all seinen Vergünstigungen (EEG Umlage, Netzentgelte etc.)  und dem niedrigen Börsenpreis ein Preis-Eldoroado. Norsk Hydro hat sein Aluminium Werk in Australien geschlossen, um in Deutschland die Kapazitäten auszuweiten. Holländische Alu-Produzenten machen Pleite. Begründung: gegen deutsche Firmen mit ihren niedrigen Strompreisen kommen wir nicht an. Wegen der billigen Strompreise in die USA zu gehen, lohnt sich für energieintensive Betriebe nicht wirklich. Mit den ganzen Ausnahmen hier in Deutschland gibt es kaum noch Unterschiede zu den günstigsten USA Preiszonen. Und auch beim Vergleich der Energiestückkosten (Strompreise umgelegt auf damit produzierte Waren) liegt Deutschland weltweit ganz weit vorne.

Diesen Beispielen könnte man noch etliche weitere hinzufügen. Die Aufregung über die industriellen Strompreise sehe ich deswegen eher als Strategie, dass man die bestehenden Vergünstigungen von mehreren Milliarden Euro (deutsche Firmen insgesamt bei rund 13 Mrd. €) behalten und medial in der Offensive bleiben will. Mit der Realität bei der überwiegenden Anzahl der Unternehmen hat das wenig zu tun. 

Ich würde mir wünschen, dass die Industrieverbände die Energiewende endlich konstruktiv begleiten. Der Solar- und Windbranche als auch den Anbietern von effizienten und system-stabilisierenden Produkten gehört die Zukunft im Stromsektor.