
Interview mit der Westdeutschen Zeitung, 24. April 2005
Frage: Frau Höhn, wo waren Sie am 26. April 1986, als in Tschernobyl der Reaktor zerbarst?
Höhn: Ich war in Oberhausen. Aber wir haben dort wie alle Menschen im Westen an diesem Tag gar nicht mitbekommen, was sich in Tschernobyl ereignet hatte. Das sickerte erst Tage später durch wegen der unsäglichen Informationspolitik der Behörden in der damaligen Sowjetunion. Ich weiß noch, dass zu der Zeit gerade "Rhein in Flammen" war. Da waren hunderttausende Menschen im Freien obwohl der verseuchte Niederschlag drohte.
Frage: Wie ging es dann weiter?
Höhn: Als wir erfuhren, was geschehen war, war der Schock natürlich groß. Unsere beiden Kinder waren damals um die zehn Jahre alt. Keiner wusste zunächst, wie groß die Gefahr war. Wir haben als Familie dann unsere Ernährung umgestellt. In allen Gesellschaftsbereichen hat die Diskussion über die Atomenergie eingesetzt.
Frage: Also war Tschernobyl so etwas wie ein Türöffner für die Grünen, um es ein wenig zynisch zu sagen?
Höhn: Tatsächlich hat sich das in den Wahlergebnissen für uns zunächst nicht ausgewirkt. 1983 hatten wir ein tolles Ergebnis, das wir 1987 nicht wiederholen konnten. Aber die Katastrophe hat einen mittelfristigen Prozess in Gang gesetzt. Die SPD fing an, umzudenken. Das mündete in dem Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Bundesregierung.
Frage: Ihre Schilderungen haben etwas von einem Veteranenbericht. Tschernobyl ist 20 Jahre her, eine ganze Generation ist seither aufgewachsen. Ist also Tschernobyl nicht ein Thema von gestern?
Höhn: Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die belegen, dass junge Leute der Atomkraft weniger kritisch gegenüber stehen als vor 20 Jahren. Aber ich habe auch andere Erlebnisse: Neulich war ich bei der Film-Premiere „Die Wolke” in der Essener „Lichtburg”. Fast alle Zuschauer waren junge Leute.
Halbwertszeit der Erinnerung?
Frage: Gibt es heute noch Tschernobyl-Spätfolgen in NRW?
Höhn: Ja. Zum Beispiel ist das Wildschweinfleisch aus der Senne in Ostwestfalen häufig noch immer belastet. Die Tiere ernähren sich von Pilzen, und da liegt der Cäsiumgehalt immer noch im zu hohen Bereich. Aber generell sind wir in Deutschland natürlich besser weggekommen als etwa Skandinavien.
Frage: In der Bundespolitik wird wieder recht offen über eine Zukunft der Atomenergie diskutiert. Gibt es so etwas wie eine Halbwertzeit bei der Erinnerung?
Höhn: Augenscheinlich. Es kann einen schon zornig machen, wenn man sieht, dass sich Teile der SPD vom Ausstieg verabschieden wollen. Von der CDU hatten wir ohnehin nichts anderes erwartet. Die Atomenergie ist ein Irrweg. Sie bietet keine Versorgungssicherheit, weil die Uranvorräte auf wenige Jahre begrenzt sind. Sie blockiert wichtige Gelder für zukunftsfähige erneuerbare Energien. Und vor allem erzeugt sie Atommüll, der über Zehntausende von Jahren teuer gelagert werden muss und ein Risiko darstellt. Wie groß die Risiken der Atomenergie sind, das hat uns Tschernobyl gelehrt.